Frau E. Meyer begrüßt Frau Lamschus und Herrn Gnielka und bittet um die Vorträge.

 

Frau Lamschus erklärt, in der Sitzung des Ausschusses für Gesundheit und Soziales im Dezember 2011 sei geäußert worden, dass 30 % aller Emder Kinder Ritalin bekämen. Hierbei handele es sich um ein Medikament, welches bei einer ADHS-Erkrankung unter ganz bestimmten Voraussetzungen und auch nur von besonders zugelassenen Kinderärzten bzw. Kinder- oder Jugendpsychiatern verabreicht werden dürfe. Die Äußerung dieser Zahl habe in der Bevölkerung zu einer großen Beunruhigung geführt. Auch sei eine Anfrage an den Kinder- und Jugendgesundheitsdienst der Stadt Emden gestellt worden, die schriftlich beantwortet sei. In der heutigen Sitzung wolle man noch einmal zu diesem Thema Stellung nehmen.

 

Weiter führt Frau Lamschus aus, die Zahl von 30 % sei sicherlich deutlich zu hoch gegriffen und beziehe sich ihrer Meinung nach auch nicht auf eine repräsentative Umfrage. ADHS sei eine Erkrankung, die sich im Kindesalter manifestiere und häufig auch bis im Erwachsenenalter bestehen bleibe. Genauere Zahlen zu der Erkrankung zum Zeitpunkt der Einschulung und zur medikamentösen Therapie könne sie nicht geben, weil diese in der Regel erst mit Beginn des Eintritts in die Schule festgestellt werde. Nur vereinzelt würden Kinder zum Zeitpunkt der Einschulungsuntersuchungen schon medikamentös behandelt. Die Diagnostik und Behandlung würde in der Hand der niedergelassenen Kinderärzte liegen. Aus diesem Grund sei sie froh, dass Herr Gnielka als Emder Kinderarzt heute zu der Erkrankung, Diagnostik und Therapie aus der Erfahrung seiner Praxis vortragen wolle. Sie habe aber auch im Kinder- und Jugendärztlichen Dienst im Rahmen der gutachterlichen Tätigkeiten für die Eingliederungshilfemaßnahmen und im Rahmen der beratenden Tätigkeiten bei den Einschulungsuntersuchungen mit ADHS zu tun. Zudem käme hinzu, dass auch die Eltern bei den Einschulungsuntersuchungen häufig von Problemen im Alltag und von Verhaltensauffälligkeiten berichten würden. 

 

Frau Lamschus informiert dann ausführlich anhand einer PowerPoint-Präsentation über Verhaltensauffälligkeiten bei Einschulungsuntersuchungen. Diese Präsentation ist im Internet unter www.emden.de einsehbar.

 

Herr Gnielka stellt sich zunächst vor und erläutert anhand einer PowerPoint-Präsentation die Verabreichung von Ritalin-Tabletten hinsichtlich des Aufmerksamkeits-Defizit(Hyperaktivitäts)Syndroms. Die Präsentation ist im Internet unter www.emden.de einsehbar.

 

Frau E. Meyer bedankt sich und bittet um Wortmeldungen.

 

Herr Bolinius bedankt sich für die hervorragenden Vorträge. Er habe dieses Problem bisher nie so bewusst wahrgenommen. Das nicht 30 % aller Kinder Ritalin nehmen würden, sei heute deutlich geworden. Er halte dieses für eine gute Botschaft, zumal den Eltern damit die Angst genommen worden sei. Herr Bolinius bezieht sich auf einen Zeitungsbericht, in dem stehen würde, dass es lebhafte Kinder schon immer gegeben habe. Damals hätten sie allerdings in der Gesellschaft nicht gestört. Heute habe man an die Kinder eine viel höhere Leistungserwartung. Auch mache es ihn traurig, dass Pädagogen sofort nach einen Arzt rufen, wenn sie mit dem Kind nicht klar kommen würden.

 

Herr Gnielka erklärt, die heutige Gesellschaft stelle sehr hohe Anforderungen an die Kinder und Jugendlichen, sodass die, die sowieso damit ein Problem hätten, dem nicht unbedingt gewachsen seien. Daher hätten NEKiB, nifbe und auch die Emder Kinderärzte zunächst eine gemeinsame Vorgehensweise mit den Kindertagesstätten erarbeitet. Später würde man dann auch sehr gerne damit in die Schulen gehen. Er würde sich freuen, wenn man hierbei auch ein wenig Unterstützung bekommen würde.

 

Herr Bolinius fragt an, wie die Stadt Emden denn helfen könnte.

 

Herr Gnielka entgegnet, ihm würde es reichen, wenn er den Schuldirektoren sagen könne, dass der Rat der Stadt Emden es begrüßen würde, wenn er gemeinsam mit Frau Lamschus dort etwas zu diesem Thema vortragen dürfe.

 

Frau Lamschus stellt heraus, bei den Einschulungsuntersuchungen hätten ganz viele Kinder Verhaltensauffälligkeiten. Es würde aber auch Kinder geben, die Schwierigkeiten in der Fein- und Grobmotorik hätten. Doch seien dieses nicht alles Kinder, die unbedingt eine Therapie benötigten. Jedoch müssten Kinder mit ADHS herausgefiltert werden, denn für diese müsse man Bedingungen schaffen, dass sie in der Schule auch lernen könnten.

 

Herr Götze erklärt, er habe seinerzeit behauptet, dass bis zu 30 % der Kinder Ritalin nehmen würden und sei somit der Auslöser für die heutige Veranstaltung. Er habe sich zwischenzeitlich intensiv mit der Thematik befasst und den Eindruck gewonnen, dass dennoch mit dem Thema sehr naiv umgegangen werde. So seien vor 20 Jahren 34 kg Methylphenidat produziert worden, heute seien es dagegen 1,8 t. Zudem würde die Direktorin der Kinderklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Berliner Charité 90 % der ADHS-Diagnosen für falsch bezeichnen. Seiner Ansicht nach lasse sich das Medikament jederzeit auch durch das Internet besorgen und die Dunkelziffer der Kinder, die Ritalin nehmen würden, sei sehr hoch. Wenn jedes zweite Kind Antibiotika schlucke, dann sehe man, wie unsensibel teilweise die Eltern damit umgehen würden. Er habe den Eindruck gewonnen, dass es sich hierbei um ein sehr komplexes Thema handele und es keine klaren Informationen für Eltern geben würde. Zudem sollte man auch wissen, dass Ritalin Spätschäden verursachen könne und es ein Suchtmittel sei, von dem man abhängig werden könne. Auch würde es bestimmte Institutionen geben, die sagten, dass überhaupt keine Medikamente benötigt würden und diese Dinge mit ganz normalen anderen Mitteln hinzubekommen seien. Die Welt habe sich sicherlich verändert und auch die Kinder seien auffälliger geworden. Aber deswegen seien sie nicht krank. In einem Artikel stehe, dass ADHS eine erfundene Krankheit sei. Er wolle nicht sagen, dass die Emder Ärzte hier nicht verantwortungsvoll umgehen würden, aber es sei eine ernste Sache und es müsse noch sehr viel Aufklärungsarbeit betreiben werden.

 

Herr Gnielka stellt heraus, die Informationen im Internet richtig zu werten und zu gewichten, sei nicht so leicht. Er erklärt, dass alle Medikamente, die Methylphenidat enthalten würden, in Deutschland nur ausgehändigt würden, wenn ein Betäubungsmittelrezept vorliegen würde. Dieses Rezept dürfe nur an die Mutter oder den Vater des Kindes ausgehändigt werden und werde in der Apotheke aufbewahrt. Zudem würden der Kinderarzt und die Bundesopiumstelle einen Durchschlag des Rezeptes aufbewahren. Seit dem 01.04.2011 dürften auch Allgemeinmediziner diese Medikamente nicht mehr verordnen. Zudem würde es seit dem 01.01.2012 eine Zulassung für die Behandlung der ADHS im Erwachsenenalter nur für ein Präparat geben, wenn die Therapie bereits vor dem 18. Geburtstag begonnen habe. Jedoch sei er nicht dafür verantwortlich, was eine Versandapotheke im Ausland mache. Dieses sei seiner Meinung nach verantwortungslos.

 

Frau Lamschus ist der Ansicht, dass durch die Verordnung von Ritalin vielen Kindern mit ADHS die Möglichkeit geschaffen werde, eine andere Therapieform zuzulassen, weil sie sich überhaupt nicht konzentrieren konnten. Wenn das Kind ein Problem habe, dann müsse ihm geholfen werden. Ziel der Vorträge von Herrn Gnielka und ihr sei es heute gewesen, die Lage aus medizinischer Sicht hier in Emden darzustellen und zu informieren. Da beide sehr viele Kinder in Emden sehen würden, könnten sie durchaus qualifizierte Aussagen geben und die Situation einschätzen.

 

Herr Gnielka ergänzt, es würden in den Therapien auch regelmäßig vorgeschriebene Auslassversuche durchgeführt werden. Anschließend müsse davon berichtet werden, ob die Kinder ein Medikament bekommen oder nicht. Weiter führt er aus, es seien 2 % der Erwachsenen und 5 % der Kinder und Jugendlichen betroffen. Dabei müsse beachtet werden, dass nicht nur ein Medikament, sondern auch Coaching, Ergotherapie und evtl. Verhaltenstherapie verordnet würden, sodass diese Kinder und Jugendlichen sich selbst in der Gesellschaft wertgeschätzt fühlen und wieder auf den Weg kommen würden. Dann könnten sie ganz ohne Symptome und Therapie auch später ein erfolgreiches Leben führen.

 

Herr Haarmeyer bedankt sich für die interessanten Informationen. Ihm sei aufgefallen, dass die Anzahl der Mutter-Kind-Kuren bei ADHS vor ca. zehn Jahren noch wesentlich höher gewesen sei als heute. Er fragt an, wie lange eine Therapie normalerweise dauern würde.

 

Herr Gnielka entgegnet, bereits in sechs Wochen könne gelernt werden, wie mit einem Kind umzugehen sei oder wie z. B. ein Arbeitsplatz gestaltet werden können, der es auch einem Kind mit ADHS ermögliche, seine Hausaufgaben zu machen. Er schätze gerade die Reha-Kliniken in der Therapie mit einer Aufmerksamkeitsstörung sehr.

 

Herr Kronshagen erklärt, die CDU-Fraktion sei sehr erschrocken von der von Herr Götze genannten Zahl gewesen und habe daraufhin den Antrag gestellt, das Thema zu behandeln. Nach den Ausführungen von Herrn Gnielka und Frau Lamschus sei er zumindest wieder beruhigt.

 

Herr Hollander regt an, nicht zu weit fachwissenschaftlich zu diskutieren, sondern auf die Frage von Herrn Bolinius zurückzukommen, was der Rat tun könne. Seiner Ansicht sei die Antwort recht einfach, für die kleinen Kinder müssten Freiräume geschaffen, Ferienlager unterstützt und  Kinderspielplätze eingerichtet werden, damit die Kinder sich austoben könnten.

 

Herr Götze stellt heraus, seine Informationen habe er aus seriösen Quellen. Dort sei unter tagesschau.de geschrieben, dass Ritalin auch zur Leistungssteigerung genommen werde. Auch Drogenabhängige würden sich dieses Medikament spritzen. Zudem sei es leicht zu beschaffen. Weiter würde er eine große Gefahr darin sehen, dass der Verbrauch in den letzten 10 bis 15 Jahren um fast 300 % gestiegen sei. Diese Dinge würden auch nicht an Emden vorbeigehen. Seiner Ansicht nach sollte gelegentlich eine Befragung an den Gymnasien gemacht werden. Er betont, seiner Meinung nach dürfe man mit diesem Thema nicht so naiv umgehen, zumal es auch noch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse geben würde, ob es nicht doch Spätschäden bei den Kindern, die dieses Medikament über eine lange Zeit nehmen würden, geben werde.

 

Frau Lamschus geht nicht davon aus, dass Ritalin in Emder Schulen als Droge behandelt werde. Weiter führt sie aus, auch in seriösen Zeitungen seien unwissenschaftliche Beiträge zu finden. Sie halte es für wichtig, dass man sich vernünftig mit dieser Thematik auseinandersetze und gemeinsam vor Ort überlege, was gemacht werden könne.

 

Frau L. Meyer erklärt, als Kommunalpolitikerin interessiere sie, was in der Stadt Emden gemacht werde. Heute habe sie vernehmen können, dass viel getan werde und die Emder Kinder gut aufgehoben seien. Sie wünsche den Emder Kinderärzten, dass wirklich alle erreicht würden und dass das Medikament auch nur dann verabreicht werde, wenn es nötig sei. Abschließend bittet sie darum, auch an diesem Thema dranzubleiben, um so unterstützen zu können.

Frau E. Meyer schließt sich den Worten von Frau L. Meyer an und bedankt sich bei Frau Lamschus und Herrn Gnielka für die ausführlichen Vorträge.